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Gleismannsbahnhof Gleis 2.11

Die Hochbahn nach Rothenburgsort / Die Stillegung und der Abbau

Die furchtbaren Bombenabwürfe ab dem 24. Juli 1943 über Hamburg, die sogenannte "Operation Gomorrha", trafen die Stadt in einem so noch nie dagewesenen katastrophalen Ausmaß. In der Nacht zum Mittwoch, den 28. Juli, beim sogenannten "Feuersturm", wurden die östlichen Stadtteile Hamm, Hammerbrook und Rothenburgsort fast vollständig zerstört. In Hammerbrook wurde der eiserne Viadukt an mehreren Stellen, unter anderem an der Rampe zum Besenbinderhof und direkt hinter der Haltestelle Spaldingstraße, durch Bomben getroffen und zerstört, insgesamt auf etwa 70 Metern Länge. Die gesamte Strecke war durch die unermeßliche Hitze, die in dieser Nacht herrschte, unbrauchbar geworden; allein schon die eisernen Viadukte waren in ihrer Statik beeinträchtigt, die Schienen deformiert. Die Haltestellen waren mittelstark bis schwer zerstört; Kabelstränge und Stromschienenabdeckungen waren verbrannt.

An diesem Tag wurde der Betrieb nach Rothenburgsort (wie auch auf dem übrigen Hochbahnnetz) eingestellt.

Der Tunnel zum Besenbinderhof wurde, als dort keine Züge mehr fuhren, als Luftschutzbunker genutzt, bis dies ab 1944 verboten wurde, da die Einsturzgefahr durch Bombeneinschläge zu groß war. - Das 1944 zerstörte Zoologische Museum am Hauptbahnhof hatte derweil in dem Tunnel Flaschen und Glasbehälter mit in Alkohol eingelegten Tieren verwahrt, die als "garantiert echter Schnaps" von Schwarzhändlern verkauft wurden ...

Die HHA entschied die Stillegung der Zweigstrecke auch im Jahre 1944. Es gab dafür drei gravierende Gründe:
1. Die Strecke war stark zerstört,
2. das Wohngebiet Hammerbrook / Rothenburgsort war ausgelöscht und
3. die Fahrgastzahlen waren seit Anbeginn zu gering und die Strecke erforderte daher Zuschüsse.

So verkehrten am 27. Juli 1943, dem 28. Geburtstag der Zweigstrecke, zum letzten Mal Hochbahnzüge nach Rothenburgsort ...

Bis zum Kriegsende erlitt die stilliegende Strecke noch weitere Schäden.

Nach dem Kriegsende 1945 wurden bereits die Gleise demontiert. Sie dienten zur Behebung der Schäden an den anderen Strecken der Hochbahn. Auch andere Materialien von dieser Strecke wurden für Reparaturen verwendet. In der Wagenhalle in Billwerder - Ausschlag, die nun vom Schienennetz abgeschnitten war, standen noch einige Hochbahnwagen, die den Krieg mehr oder weniger überlebt hatten, darunter Wagen Nummer 83. Sie wurden noch 1945 per Straßenroller nach Barmbek befördert. Die Wagenhalle selbst soll so gut wie keine Schäden erlitten haben.

Ankunft eines Straßenrollers mit Triebwagen in Barmbek.
Von Rothenburgsort nach Barmbek per Straßenroller: Ein Hochbahnwagen wird abgeladen.


Hammerbrook wurde mit einer Mauer aus Trümmerschutt, die unter anderem an den ehemaligen Haltestellen Spaldingstraße und Süderstraße stand, abgesperrt.

Hans Brunswig beschrieb die Absperrung in seinem Buch "Feuersturm über Hamburg" so:
"Der fast ganz zerstörte Stadtteil Hammerbrook westlich des Heidenkampsweges (Zerstörungsgrad über 90 % !) wurde im Räumungsprogramm zunächst ausgespart und zum «Sperrgebiet» erklärt, um die verkehrs- und lebenswichtigen Bezirke vorziehen zu können. Anlaß zu dieser Maßnahme waren vor allem einige schwere Unfälle durch Mauereinstürze, die sich bei der oft genug verzweifelten Suche nach Angehörigen unter den Trümmern ereignet hatten, nicht jedoch (wie gerne behauptet wurde) «Seuchengefahr» oder «Tausende von Toten». "

In dem Buch "Hamburg und seine Bauten" von 1953 stand folgende Beschreibung über Hammerbrook:
" Fast die gesamte Bebauung Hammerbrooks lag in Trümmern. Die Überlegung, ob man diesen in seiner Struktur mit schwersten städtebaulichen Mängeln behafteten Stadtteil, dessen Entwässerung seit rund 100 Jahren immer wieder die größten Schwierigkeiten bereitete, in alter Form wiederherstellen oder von Grund auf neugestalten sollte, führte dazu, die Aufhöhung des Gebietes vorzusehen und einen Plan für die völlige Neugestaltung Hammerbrooks auszuarbeiten, um aus dem früheren engverschachtelten Wohn- und Gewerbegebiet ein modernes Gewerbegebiet zu entwickeln. Gleichzeitig sollten die in Hammerbrook früher vorhandenen und größtenteils zerstörten Eisenbahn- und Güterverkehsanlagen neu geordnet und in verbesserter Form aufgebaut werden."

Klaus Frahm und Dirk Meyhöfer beschreiben in ihrem 1983 erschienenen Buch "Bahnhofswelt" aus dem "Braus - Verlag" Hammerbrook so:
"Hammerbrook - ein Ausnahmestadtteil Hamburgs. Nach der vollständigen Kriegszerstörung entstand hier nur zögernd ein recht zusammenhangloses Gewerbegebiet, das eine ungewöhnliche, unwirtliche Ausstrahlung hat. Mit der neuen Harburger S - Bahn, die dieses Gebiet als Hochbahn durchschneidet, hofft man auf eine günstige Stadtentwicklung. (...) Die neue S - Bahn wird hinter dem Hauptbahnhof aus der Stammstrecke ausgefädelt und verläuft gar nicht weit entfernt von der alten Linie, die nach Rothenburgsort führte und nach dem Krieg aufgegeben werden mußte."

Während die Trümmerräumung allmählich in den folgenden Jahren einsetzte (etwa 1957 abgeschlossen), blieb das Viadukt ungenutzt stehen.

1950 wurde, nachdem sich die gesamtwirtschaftliche Situation wieder stabilisiert hatte, eine Neuplanung der U - Bahn, wie sie seit 1947 hieß, vorgenommen. In dieser Planung war die Strecke nach Rothenburgsort nicht mehr enthalten. Im Bereich Hammerbrook waren zwei andere Strecken vorgesehen, von denen keine den Verlauf der Zweiglinie erhalten sollte.

Das waren die beiden bereits im Abschnitt "Projekte" genannten Linien "Ost - West - Straße" und "Alsterhalbring". Die erste führte vom Meßberg kommend über die "Amsinckstraße" zu den Elbbrücken, die zweite kam von der Burgstraße und führte über Borgfelde ebenfalls zu den Elbbrücken. 1955 gab es noch den Plan einer Strecke vom Meßberg über "Amsinckstraße" - "Billstraße" nach Rothenburgsort sowie ab "Billstraße" über Borgfelde zur "Burgstraße". Ob dabei die alte Dammstrecke ab Brückenstraße noch verwendet werden sollte, die 1955 noch vorhanden war oder ob die Strecke unterirdisch verlaufen sollte, ist nicht bekannt.

... wie eine Rutschbahn ...
"Hier hob sich einmal die Rothenburgsortstrecke aus dem Gewirr von Mietshäusern zur Brücke und zum Bahnhof Spaldingstraße. In dem eisernen Band klaffen weite Lücken. Nun sieht die schienenlose Neigung wie eine Rutschbahn aus, ein trauriger Anblick für eine Hochbahn. Bald wird auch dieser Rest verschwunden sein - als Schrott in den Gießöfen." - Das Hamburger Abendblatt vom 28. Februar 1951.


Am 01. Juli 1950 war mit der Eröffnung des Ostrings von Mundsburg bis Barmbek die Wiederherstellung aller kriegsbeschädigten U - Bahnstrecken abgeschlossen, die natürlich wichtiger waren als etwaige Abrißarbeiten. So ist es zu erklären, daß das Viadukt in Hammerbrook erst demontiert wurde, als alle anderen Arbeiten beendet waren.

Das Viadukt in Hammerbrook wurde schließlich ab dem 04. März 1951 abgebaut und verschrottet. Angeblich hat die HHA mit dem Schrottwert daraus die ersten Straßenbahnwagen des Typs V6 finanziert. Möglicherweise kam der Erlös aber auch in einen "großen Topf", aus dem dann neue Straßenbahn- und U - Bahnfahrzeuge bezahlt wurden.

Ein Viadukt fällt

"Heute Vormittag wurde am Nagelsweg damit begonnen, den Viadukt abzureißen, der die ehemalige Hochbahnstrecke zwischen Hauptbahnhof und Rothenburgsort trug. Den Abbruch übernimmt die Hansa Rohstoff Verwertungs- GmbH, Hamburg, die das ganze Objekt aufgekauft hat. Etwa die Hälfte der anfallenden Schrott- und Nutzeisenmassen müssen an westdeutsche Firmen zur Weiterverarbeitung geliefert werden. Mit Stahlseilen rückten die abbrechenden Mannen dem rostigen Eisenwrack zu Leibe, nachdem sie vorher einige Pfeiler durchgeschweißt hatten. Polizeibeamte sorgten dafür, daß die Absperrungen nicht überschritten wurden, um unliebsame Beulen zu vermeiden". - Das Hamburger Echo vom 04. März 1951.

Im Augenblick der Sprengung

Viaduktfall.
"Der erste Teil des Viaduktes, der einst die Hochbahnstrecke Hauptbahnhof - Rothenburgsort trug, wurde gestern im Rahmen des Abbruches dieser Strecke niedergerissen. Unser Bild zeigt oben, wie das etwa 50 Meter lange Stück Bahnkörper zusammensinkt, nachdem vorher die Brückenpfeiler durchgeschweißt worden waren. Unten der Viadukt nach der Sprengung." - Das Hamburger Echo vom 05. März 1951. Rechts im Bild ist wieder die Schokoladenfabrik zu sehen, deren Gebäude als eins der wenigen den Krieg in Hammerbrook überlebt hat.


Im Juli 1951 wurde die Haltestelle Süderstraße abgetragen und die Brücke über den Südkanal beseitigt. Die Haltestelle Brückenstraße verschwand im August, danach folgten die Billbrackbrücke und die Brücke über die Billstraße. Im Oktober 1951 wurde dann die Rampe zum Besenbinderhof abgewrackt sowie die Brücke über der Bundesbahnstrecke ausgeschwenkt. Der Zugverkehr auf der Bundesbahnstrecke durfte dabei nicht unterbrochen werden.

Die Bahnhofshallen wurden nicht verschrottet, sondern verkauft, etwa als Gewächshaus! Die Halle von Rothenburgsort dagegen landete auf dem "Krupp" - Gelände in Essen. Wielange sie dort stand oder ob sie noch existiert, ist nicht bekannt.

Die Dämme der Trasse blieben zunächst noch unangetastet. Mit dem Um- und Ausbau der Straßen "Amsinckstraße" und "Billhorner Brückenstraße" und der entsprechenden Kreuzung ab 1958 wurden in diesem Bereich die noch vorhandenen Brückenwiderlager, Steinviadukte und der Damm abgerissen.

Die Wagenhalle sowie der Damm bis zum Billhorner Deich wurden zugunsten neuer Industriebetriebe entfernt; das Fundament der Wagenhalle soll aber noch existieren und sich unter einer neuen Lagerhalle befinden. Auf dem Gelände der Haltestelle Rothenburgsort entstand das Berufsförderungswerk. Der Damm und die nördliche Steinwand hinter der ehemaligen Haltestelle Brückenstraße und entlang der "Billstraße" verschwand, ebenso der Damm an der ehemaligen Berliner Bahn und die Brückenwiderlager an der Bille und an der Fernbahnüberführung. Der Zeitpunkt dieser Maßnahmen ist nicht bekannt.

Durch den Bau der U - Bahnstrecke von "Jungfernstieg" über "Hauptbahnhof" nach "Wandsbek" Mitte der 1950er Jahre wurde der Tunnel der Zweigstrecke in zwei Hälften geteilt, da die neue Strecke auf gleicher Höhe verläuft. Ob die Schienen bis zu diesem Zeitpunkt noch komplett im Tunnel verblieben sind, ist nicht bekannt. Der Tunnelteil Richtung Rothenburgsort wurde dabei von der HHA an Dritte zur Nutzung weitergegeben. Die neue U - Bahn bekam wegen der beengten Platzverhältnisse in der über 40 Jahre alten Haltestelle Hauptbahnhof eine eigene Haltestelle Hauptbahnhof, die südlich parallel zur bisherigen liegt, mit einem Bahnsteig, der lang genug für die Acht - Wagen - Züge dieser Strecke ist.

Bis in die sechziger Jahren endeten noch viele Züge der Linie Hellkamp - Barmbek in der immer noch viergleisigen Haltestelle Hauptbahnhof (- Süd) der heutigen Linie U3. Zum Kehren wurden die Züge auf die übriggebliebene Rampe der ehemaligen Zweigstrecke gefahren. Die Fahrer durften dabei ihren Zug nicht auf der Rampe abstellen, da diese geneigt war, sondern mußten nach dem Kehren gleich wieder in die Haltestelle zurückkehren.

Gleisplanskizze der Haltestelle Hauptbahnhof 1955.
1955 sah die Gleislage der Haltestelle "Hauptbahnhof" so aus.


1972 wurden in der Haltestelle Hauptbahnhof - Süd der U3 die Gleise der ehemaligen Rothenburgsorter Strecke am Bahnsteig und auf der anschließenden Rampe entfernt, die leeren Gleiströge am Bahnsteig zugedeckt und daraufhin der Bahnsteig sowie die Treppenanlagen verbreitert.

Um 1990 herum sollen bei dem Umbau des Nagelsweges die noch vorhandenen Betonsockel der Viaduktstrecke entfernt worden sein. Vorher sorgten sie wohl, da sie wahrscheinlich nur notdürftig überteert waren, für einen huckeligen Straßenbelag.

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Erstellt seit: Januar 2001
Online seit: Dezember 2001
Zuletzt aktualisiert am: 18. Mai 2010

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